Reformationsgottesjubiläum

Quelle: Westfälische Nachrichten - 17.09.2017

Von Ruth Jacobus

Tecklenburg - Strahlend blauer Himmel, heitere Musik, 2300 gut gelaunte Menschen – schöner hätte das Reformationsfest auf der Freilichtbühne nicht beginnen können. Aus den evangelischen Kirchenkreisen Tecklenburg, Steinfurt, Coesfeld, Borken und Münster sind die Menschen gestern nach Tecklenburg geströmt, um „500 Jahre Reformation“ zu feiern.

Dr. Eckart von Hirschhausen sprach in seiner Predigt über die Freiheit,
„freiwillig und unter freiem Himmel“. Foto: Ruth Jacobus

„Es ist ein wunderbares Bild“, freute sich Superintendent André Ost bei der Begrüßung mit Blick auf das große Publikum. „Wir hätten die Bühne zweimal füllen können“, verwies er auf das große Interesse am Festgottesdienst. Dazu beigetragen hat sicherlich der Mann, der die Predigt hielt: Dr. Eckart von Hirschhausen.

Solch einen Gottesdienst mit allen drei Kirchenkreisen im Münsterland habe es noch nicht gegeben, betonte Ost. Tecklenburg sei für diesen Anlass ein guter Veranstaltungsort. „Wir stehen hier auf reformatorischem Boden.“ Die reformatorische Bewegung im Münsterland habe in Tecklenburg begonnen, blickte Ost in die Geschichte zurück.

Gedanken zum Thema Freiheit und viel Musik wechselten sich anschließend ab. Band und Bläserensemble des Kirchenkreises Tecklenburg unter der Leitung von Ursula-Maria Busch und der große Projektchor mit Sängern aus den drei Kirchenkreisen (Leitung Popkantor Hans-Werner Scharnowski) zeigten sich bestens aufgelegt, verbreiteten gute Laune und animierten zum Mitsingen.

Gute Laune, die verbreitete auch Dr. Eckart von Hirschhausen. Mal nachdenklich, mal humorvoll widmete er sich dem Thema Freiheit. Ein Gottesdienst unter freiem Himmel, bei dem man freiwillig sei, eine Woche vor einer freien Wahl: „Dafür können wir dankbar sein.“

Über Martin Luther führte er aus, dieser habe viel für das Lachen übrig gehabt. Und er sei ein Mensch der drastischen Wahrheiten gewesen. Dass er das Fundraising für den Petersdom in Frage gestellt habe, sei damals nicht so gut angekommen – eine von vielen bissig-humorvollen Aussagen von Hirschhausen.

Luther sei es auch zu verdanken, dass eine Religion mit Angst und Druck aufgelöst worden sei. „Bis Luther kam, durfte die Gemeinde im Gottesdienst nicht einmal singen“, führte von Hirschhausen aus. Das wiederum führte ihn zu der Mahnung: „Wir vergessen, wie sinnlich ein Gottesdienst sein darf.“

Von Hirschhausen verwies auch auf scheinbare Widersprüche in den Aussagen Luthers. Ein Christ sei frei und niemandes Untertan, allerdings auch ein dienstbarer Knecht. Das veranlasste den Gastprediger zu der Erkenntnis, der Mensch komme aus dem Staub und werde zu Staub. „Deshalb wirbeln manche Menschen so viel Staub auf. Das bringt aber nichts, meint Luther.“ Man könne zudem Gott nicht bestechen oder belabern.

Wie man sich selbst befreit, dafür hatte der Kabarettist Tipps parat. „Wer los lässt, der hat zwei Hände frei.“ Wichtig seien – auch wenn es paradox klänge – feste Spielregeln. Einmal pro Woche etwas tun, für den Körper, einmal für die Seele – wer sich festlege, habe mehr Freiheit.

Mehr Sinnlichkeit, mehr Ekstase, mehr unbändige Freude im Leben wünschte von Hirschhausen den Besuchern abschließend.

Ein Thema, das wenig mit Luther, aber viel mit Freiheit zu tun hat, hatte der Gastprediger zuvor noch angesprochen: die Bundestagswahl.

Seine Großeltern seien damals geflüchtet und Teil der Gesellschaft geworden – damit ihre Kinder es einmal besser haben als sie selbst. „Das geht nicht automatisch, das geht nur, wenn man wählt. Die Demokratie ist anstrengend und nervig, aber die beste Staatsform, die wir je hatten. Die größten Feinde der Demokratie sind die, die nicht wählen“, so der flammende Aufruf von Eckart von Hirschhausen.

Der so stimmungsvolle Festgottesdienst sollte musikalisch enden und die Menschen gut gelaunt in den weiteren Tag mit Kabarett und Musical-Oratorium entlassen. Doch es kam anders. Die Nachricht von einem schweren Busunglück in Ledde mit einer Toten und 21 Verletzten ließ alles zum Stillstand kommen. Der Bus war auf dem Weg zum Gottesdienst. Gemeinsam beteten die Besucher auf der Freilichtbühne für die Opfer und deren Familien. Das geplante Kabarett wurde sofort abgesagt.