Uraufführung des Musical-Oratoriums „Bruder Martin“

Quelle: Westfälische Nachrichten - 19.09.2017

Von Dietlind Ellerich

Westerkappeln/Tecklenburg - Hinter den Kulissen der Freilichtbühne in Tecklenburg herrscht am Sonntagabend richtig Betrieb. Unmittelbar vor der Uraufführung des Musical-Oratoriums „Bruder Martin“ unter der Leitung des Westerkappelner Kirchenmusikdirektors und Kreiskantors Martin Ufermann kommen alle Solisten und knapp 300 Chorsänger zusammen.


Knapp 300 Chorsänger sowie Solisten sind zu der Uraufführung des Musical-Oratoriums „Bruder Martin“
unter der Leitung des Westerkappelner Kirchenmusikdirektors und Kreiskantors Martin Ufermann auf
der Bühne der Freilichtbühne in Tecklenburg zusammengekommen. Foto: Dietlind Ellerich

„Die Kutte hat meine Nachbarin genäht“, sagt Karin Maiwald über das Outfit, das sie am Tag des Reformationsfestes auf der Tecklenburger Freilichtbühne trägt. Dort herrscht am Sonntagabend richtig Betrieb. Unmittelbar vor der Uraufführung des Musical-Oratoriums „Bruder Martin“ kommen alle Solisten und knapp 300 Chorsänger auf der Bühne zusammen.

Sie erfahren, dass die Vorstellung stattfinden wird. Trotz des Busunglücks, bei dem am Morgen eine Frau ums Leben kam und viele Fahrgäste zum Teil schwer verletzt wurden. „Wir trauen uns, das zu tun“, wird Joachim Anicker, Superintendent des Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken, auch im Namen seiner beiden Kollegen aus den Kirchenkreisen Münster und Tecklenburg, wenig später zur Begrüßung der Gäste sagen. Die Botschaft des Lebens Martin Luthers könne Trost und Antworten geben, sind die Veranstalter sicher.

Überschattet von der Trauer über das Unglück bereiten sich Karin Maiwald und die vielen anderen Sängerinnen und Sänger aus Westerkappeln und anderen Orten des Münsterlandes auf ihren Auftritt vor. In den vergangenen Monaten gab es nicht nur jede Menge Proben, sondern auch Überlegungen darüber, was man anziehen soll, wenn man das Mittelalter auf die Bühne bringen möchte. „Rot, Blau oder Schneeweiß gab es damals nicht“, wissen die Frauen und Männer, die gleich Bauern, Knappen, Leute aus dem Volk spielen werden. Die meisten tragen Naturtöne.

Karin Maiwald hat sich von ihrer Nachbarin eine braune Kutte nähen lassen. Damit passt sie super zu den anderen Frauen, die sich für ihre Kostüme nicht nur einiges einfallen lassen, sondern ihre Ideen auch mit viel Eigeninitiative umgesetzt haben.

Langsam wird es ernst, die letzten Stimmproben sind vorbei. Lampenfieber? Aufgeregt sind die meisten Sänger schon. Keiner hat jemals vor so vielen Menschen gesungen. Ganz ohne Nervosität geht das nicht. „Eine gewisse Anspannung muss sein, damit man auf den Punkt singt“, ist Martina Bierbaum überzeugt. Die Solistin freut sich darauf, dass es endlich soweit ist, dass sie die Botschaft, an die sie glaubt, singen darf. „Je mehr Menschen da sind, desto besser“, da ist Bierbaum ganz pragmatisch. Tanja Bornholt und Sonja Duske sind gespannt, wie es sein wird, vor dem Riesenpublikum aufzutreten. Sie sind zuversichtlich, dass es klappen wird. Sie seien nur „Chor-Bäuerinnen“, hätten keine besondere Aufgabe, müssten nur gut aussehen und kräftig singen, sagen sie schmunzelnd, kurz bevor es losgeht.

Auch Karin Maiwald sucht sich ihren Platz. „Das ist ein bisschen voluminös“, stellt sie fest. Renate Pieper-Bekierz zeigt sich nicht im knappen, sondern im Knappen-Outfit. Der Adrenalinspiegel steigt, aber „es ist freudiges Adrenalin“, versichert sie.

Sigrid Schunk geht es ähnlich. Sie habe am Vorabend nicht einschlafen können, gibt die 78-Jährige zu. Durchschlafen nach dem Einschlafen sei aber kein Problem gewesen, fährt sie fort. Die nächsten Sätze gehen im allgemeinen Gewusel unter. Der knapp 300 Frauen und Männer starke Chor soll sich aufstellen. Toi, toi, toi! Das klappt schon! Dann geht es los.

Nach der Begrüßung, einem Moment der Stille und einem Gebet für die Opfer des Busunglücks und deren Angehörige hebt der musikalische Leiter Martin Ufermann den Taktstock, beginnt mit der Uraufführung des Oratoriums, das die evangelischen Kirchenkreise des Münsterlandes zum 500-jährigen Reformationsjubiläum bei Eugen Eckert(Text) und Thomas Gabriel (Musik) in Auftrag gegeben haben.

Als zweieinhalb Stunden später der letzte Ton verklungen ist, fällt allen trotz aller Zuversicht im Vorfeld ein Stein vom Herzen. Stürmischer Applaus und Standing Ovations machen deutlich. Es hat geklappt. Mitte Oktober wird „Bruder Martin“ in der Westerkappelner Stadtkirche zu hören und zu sehen sein. Vor deutlich kleinerem Publikum.