Presse 2002

Quelle: Neue OZ - 24.02.2002

Westerkappeln (fis) - Ein ganz besonderer Virus hat wieder das Tecklenburger Land heimgesucht: Es löst seit einigen Jahren das so genannte „Gospel-Fieber" aus. Normalerweise ist der Virus in den USA verbreitet, doch macht er sich stets im Februar speziell in Westerkappeln breit. Dort ging der inzwischen fünfte Gospel-Workshop über die Bühne und lockte 180 Teilnehmer ins Haus Bonhoeffer. Und das, obwohl Organisator, Kreiskantor Martin Ufermann, schon bewusst auf Werbung verzichtet hatte. „Es boomt", beschrieb er das „Krankheitsbild".

Ihre Augen strahlten, ihre Wangen glühten. Sehr selbstbewußt stand die neunjährige Marilena Bekierz in ihrer Jeans-Latzhose da, inmitten des dichten Gedränges. „Das ist schon toll", meinte sie, „besser als alles andere". Dass sie noch gar kein Englisch spricht, konnte sie vom „grooven" nicht abhalten. „Ne, das geht", versicherte sie. Genauso wie Marilena war auch ein älteres Ehepaar zum ersten Mal dabei. „Interessiert waren wir schon länger, aber wir dachten bisher, wir wären zu alt", erklärten sie. Doch dann seien sie eines Besseren belehrt worden. „Wir haben gehört, dass es hier nicht so ist", sagten die beiden, die beim Workshop wohl auch gelernt haben dürften, dass es für das „Gospel-Fieber" keine Altersgrenze gibt.

Tatsächlich trafen sich drei Generationen unter dem Dach des Bonhoeffer-Hauses: Von 9 bis 67 Jahren waren alle Altersgruppen vertreten. Etwa 50 der insgesamt 180 „Erkrankten" seien frisch angesteckt gewesen, erklärte Martin Ufermann. Und das – wie geschrieben – ohne Werbung. Wegen des enormen Andranges werde noch ein zweiter Workshop in Ibbenbüren durchgeführt. Auch dort lägen bereits 170 Anmeldungen vor. Damit nicht genug. „Von der Interessenslage der Bevölkerung her hätten wir auch 500 Teilnehmer haben können", so Ufermann. „Sehr engagiert dabei zu sein und trotzdem leise zu singen, das ist die Kunst an der Sache. Wir fangen bei diesem Stück leise an, denn es ist erst etwas traurig, nachher im Chorsatz geht dann die Sonne auf. So, und jetzt singen!" Mit diesen Worten spornte Workshop-Leiter Micha Keding die Teilnehmer an. Er leitete auch gleich noch seinen eigenen Nachwuchs an. Sein spezielles Angebot: „Gospelchor-Leitung".

Indes machte Piano-Mann Axel Riemann Interessenten fit in Sachen Klavierbegleitung. Denn beim Gospel könne man nicht einfach vom Blatt spielen. „Der Knackpunkt ist das freie Spiel, orientiert am Chorsatz", erklärte er. „Was mache ich jetzt bloß mit dem Stück?" Diese Frage stellten sich viele Pianisten, die aus der Klassik kämen. Riemann: „Im Gospel muss es grooven, es muss in die Beine gehen, dann kommt auch der drive".

Nicht in die Beine, sondern in die richtigen Resonanzräume muss es erst Mal bei den Sängern gehen. Wie das funktioniert erklärte Anne Thomas im Rahmen ihres Trainings zur Stimmbildung. Sie meinte: „Singen kann jeder, alle haben die biologische Veranlagung dazu. Wer die Töne nicht trifft, hat eher ein Problem mit dem Gehör." Naja, vielleicht gibt es dann beim nächsten Mal ja auch noch eine Gehör-Schule für all jene, die bisher glaubten, sie bräuchten für ihren furchterregenden Gesang einen „Waffenschein".