Quelle: Westfälische Nachrichten - 25.02.2013

Von Dietlind Ellerich

Westerkappeln - Der Gospel-Workshop im Haus Bonhoeffer hat schon fast Tradition: Inzwischen findet er zum 16. Mal statt. Über 120 Sängerinnen und Sängerinnen begeben sich unter der Leitung von Wolfgang Zerbin auf die Suche nach dem „Biss" beim Singen.
Von Dietlind Ellerich

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Voll konzentriert auf den Biss, den Workshop-Leiter Wolfgang Zerbin (kleines Bild) demon­striert, sind die Teilnehmer im Haus Bonhoeffer, Foto: Dietlind Ellerich

„Biss" ist das Wort des Tages, des gesamten Workshops. „Biss" möchte der Chorleiter in den Gesichtern der 125 Sängerinnen und Sänger sehen. „Ihr müsst extrem auf Zack sein" fordert Wolfgang Zerbin, und ob sie das wirklich seien, sehe er nur, wenn er sie ansehe. An dem Biss in ihren Gesichtern nämlich.

Es war wieder Gospelworkshop im Haus Bonhoeffer. Auch während der 16. Auflage des beliebten generationsübergreifenden Events probten die Zehn- bis 60-jährigen für ihr Konzert, das am Sonntagnachmittag für eine volle Stadtkirche sorgte.

„Es wird ein richtig schönes bunt gemischtes Konzert", war Martina Bierbaum schon am Samstag überzeugt. Die Sängerin des Jungen Chors hat den Gospelworkshop gemeinsam mit Carina Bittner, Andrea Kemper, Brigitte Schulte und Andreas Gutzeit vorbereitet und gehört am Wochenende auch zu dem XXL-Chor, der von Freitagabend bis Sonntagmittag im Haus Bonhoeffer unter der Leitung von Zerbin probt. „Für uns Sänger ist der Workshop wie ein Urlaubswochenende, auf das sich alle schon lange vorher freuen", sagt Martina Bierbaum.

Die Altistin ist begeistert – vom Singen, von der Stimmung, vom Chorleiter. „Der steht mit soviel Körperspannung vor uns, dass man einfach mitmachen muss", schwärmt sie von Zerbins mitreißendem Temperament. Den erfahrenen Workshopleiter kennen einige noch von seinem ersten Auftritt in Westerkappeln im Februar 2005.

Der 42-Jährige schenkt sich in der Tat nichts, hat sichtlich und hörbar Spaß an seinem Job, fordert ein, was er hören möchte, macht aber auch deutlich, was gar nicht geht.

„Es wird alles schon wieder gut" - das ist ihm im Hinblick auf das im Song beschriebene Szenario von Umwelt- und Naturzerstörung zu wenig. Nein! „Es gibt eine Zukunft, die noch zählt".

Das ist es, und das will er auch hören. Da ist er wieder – der eingeforderte Biss. „Es muss sich für einen selber einen Hauch atemlos anfühlen", erklärt Zerbin, bevor der Chor erneut ansetzt. Er schont sie in der Tat nicht, lobt aber auch gerne, wenn er bekommt, was er möchte.

„Einige haben jetzt diesen eindringlichen Blick – wunderbar, damit kann ich leben", kommentiert er. „Lass den Tiger raus", hatte er die Sänger zuvor ermuntert. Die Großkatze scheint im Anmarsch zu sein. Mit Biss!

Wolfgang Zerbin ist in seinem Element. „Das macht Spaß mit so vielen Leuten", stellt er in der Pause gut gelaunt fest und schwärmt von der Stimmgewalt, die entstehe, wenn es ihm gelinge, so viele Sänger – gerne auch ohne Chorerfahrung – mitzunehmen, sie dazu zu bewegen, aus sich herauszugehen.

Wichtig sei, dass der Chor Kontakt mit dem Publikum aufnehme. „Der Chor will mir was erzählen" - so soll der Zuschauer den Chor, die Songs, das Konzert empfinden. Da es aber ohne den Blick auf den Chorleiter auch nicht gehe, müssten die Sänger oft einen Spagat hinlegen, um allen gerecht zu werden. Da sei es hilfreich, nicht in die Noten schauen zu müssen. Das alles zu koordinieren, sei nicht einfach, gibt Zerbin zu.

Im Haus Bonhoeffer sieht es am Samstagmittag so aus, als könne der Spagat gelingen. Der eindringliche Blick der Sänger, fetzige Songs, dreckiger Sound, so beschreibt ihn Zerbin selber – er ist zufrieden mit der bunt gemischten Truppe. Da steckt – klar – Biss dahinter.

Wie hat es Martina Bierbaum ausgedrückt? „Er bringt uns Westfalen das Grooven bei".

Das eingeschworene Westerkappelner Publikum in der Stadtkirche wird seinen Spaß daran gehabt haben.