Westerkappeln - Sie hat Gutenbergs Zeiten ebenso erlebt wie die eines Martin Luther, eines Galilei, Kopernikus oder eines Kepler. Sie wurde schon kurz nach ihrer Fertigstellung am 9.11.1509 in die Hände des reformierten Grafen von Tecklenburg gegeben. Sie hat Kriege und Friedenszeiten erlebt, manche Feuersbrunst und manchen Regenguss überstanden, und in ihrem Innern hörten ihre Mauern einer zunächst schlecht funktionierenden Orgel genauso zu wie den ersten Spielversuchen eines gerade gegründeten Posaunenchores. Die Rede ist natürlich von dem Westerkappelner Geburtstagskind des Jahres, der Stadtkirche, die in diesem Jahr 500 Jahre alt wird. Ein bunter und interessanter Streifzug durch die Historie der Stadtkirche, vorgetragen von Franz Bekierz, rundete am Samstagabend in der voll besetzten Kirche ein bemerkenswertes Konzert ab, das zu Recht „500 Jahre klingendes Gotteslob“ genannt worden war.

Die rund 130 Mitwirkenden lieferten ein bemerkenswertes Konzert zum 500. Geburtstag der Stadtkirche ab.
(Foto Heinrich Weßling)

 Es entwickelte sich eine reizvolle Zeitreise durch fünf Jahrhunderte Kirchenmusik, die mit dem Kanon „O Herr, mein Gott“ von Thomas Tallis (1505-1585) begann und mit dem modernen „Sanctus“ aus der „Missa cum jubilo“ von Traugott Fünfgeld endete. Klar, dass die musikalischen Fäden wieder bei Kirchenmusikdirektor Martin Ufermann zusammenliefen: Er dirigierte die Vokalwerke mit der gewohnten Souveränität und Präzision, und sowohl das bestens von Heiner Vornhusen einstudierte Goethe-Orchester als auch die beiden gut disponierten Westerkappelner Chöre (Kantorei und Junger Chor) folgten dem Dirigat unmittelbar.

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Komponist Georg Friedrich Händel hätte an Lennart Piepers Vortrag seine Freude gehabt.
(Foto: Heinrich Weßling)

Das pfiffig ausgewählte Programm bezog sich dabei indirekt immer wieder auf die Jahreszahlen 1509 und 2009. So durfte Georg Friedrich Händel nicht fehlen, der vor 250 Jahren starb. Er hätte an der einfühlsamen, warmen Ausleuchtung des „Largo“-Verses aus der Oper „Xerxes“ durch den Altus (Countentenor) Lennart Pieper seine helle Freude gehabt, denn so klar wie hier dargeboten dürfte das „Largo“ Händels Idealvorstellung sehr nahe gekommen sein. Ebenso hätte er die straff durchgehaltene Punktierung, die er in seiner festlichen Ouvertüre zur „Feuerwerksmusik“ vorsieht, bestimmt gelobt.

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Heiner Vornhusen, der die Instrumentalwerke dirigierte, hatte hier leichtes Spiel. Der Musik-Hausherr Martin Ufermann weiß natürlich haargenau, wo der akustische Grenzbereich „seiner“ Kirche liegt. Entsprechend ging er Händels „Halleluja“ aus dem „Messias“ in einem eher gebremsten Gang an. Der Effekt: Für die Zuhörer ergaben sich mehr Möglichkeiten die musikalischen Linien zu verfolgen, es entwickelte sich ein plastisches, stets transparentes Hörbild, nichts konnte verschwimmen.

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Heiner Vornhusen
(Foto: Heinrich Weßling)

Aus der Feder des vor 200 Jahren verstorbenen Joseph Haydn stammt das berühmte Werk „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus dem Oratorium „Die Schöpfung“. Hier steuerten Christine Karolius (Sopran), Christian Heinz (Tenor) und Roland Krause (Bass) einen effektvoll auftretenden Halbchor bei, ehe die beiden Chöre im Zusammenspiel mit dem Orchester zu dem bekannten gewaltigen Schluss aufliefen.

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Martin Ufermann (Foto: Heinrich Weßling)

Die anspruchsvollsten Werke waren aber die der leisen Töne: Dazu gehört der Psalmvers „Kommet herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken“, vertont von Felix Mendelssohn-Bartholdy (vor 200 Jahren geboren) ebenso wie der lange Orchestervorspann aus der 2.Sinfonie, bei dem der Abschlusschor „Nun danket alle Gott“ bereits lange vor seiner Intonation in der Luft zu liegen scheint.

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Der zarte Altus-Vers „Gott segne und behüt dich“ von John Rutter, wieder hervorragend phrasiert von Lennart Pieper, setzte dann einen eher zarten, verträumten Abschlussakzent unter ein Konzert, das genau das umsetzte, was Thomas Tallis in seinem Kanon einst formulierte und der Kirche seit 500 Jahren als Motto dienen könnte: „O Herr, mein Gott, jetzt vor der Nacht, sei Lob und Ehr dir dargebracht“.

VON GERHARD BAUNE

Quelle: Westfälische Nachrichten - 04.10.2009