Quelle: Neue OZ - 05.11.2004

Thomas Niemeyer - Westerkappeln - Mit Joanne Bell ist es Kirchenkreiskantor Martin Ufermann gelungen, eine international renommierte Sängerin für die hiesigen Aufführungen von Ralf Grösslers "Mass of Joy" zu gewinnen. Nach dem Zusatzkonzert am Donnerstagabend in der erneut voll besetzten Westerkappelner Stadtkirche sprachen wir mit der "Lady of Gospel" über Gott, die Welt und ihre Eindrücke von dieser Region.

Joanne, was haben wir da eben eigentlich gehört, ein Konzert oder einen Gottesdienst?

Joanne Bell: Oh, beides auf einmal, denke ich.

Welche Bedeutung hat für Sie Religion?

Joanna Bell: Keine (lacht). Nein, ich bin nicht religiös, ich bin spirituell. Ich glaube an das Universum, den Frieden, die Liebe und die Freude. Aber das sehr ernst, sehr tief, nicht oberflächlich.

Aber Sie haben eben mit Inbrunst das Glaubensbekenntnis an den dreieinigen Gott und das Vaterunser gesungen. Ist das "nur" Musik, deren textlicher Inhalt für Sie nichts bedeutet?

Joanne Bell: Oh, nein! Diese Musik, Gospelmusik, ist für mich der beste Weg, meinen Glauben zu bekennen, zu bezeugen. Ich meinte, dass es - vor allem in Amerika - so viele verschiedene christliche Religionen gibt. Ich gehöre nicht nur zu einer davon.

Kirche in Deutschland ist ja sehr verschieden von der in Amerika: häufig mehr Kopf als Seele und selten lustig. Wie kommen Sie damit klar?

Joanne Bell: Ich gebe zu, ich gehe hier nicht oft zur Kirche. Aber auch in Amerika gibt es große Unterschiede. Selbst der Gospel hat sich sehr auseinander entwickelt. Aber ich will das Gemeinsame, das Verbindende sehen. Ich weiß aus meinen Konzerten, dass viele Deutsche in der Kirche dasitzen und sich nicht so recht trauen, ihre Hände und Füße zu benutzen. Das ist schade, aber es gibt Hoffnung. Ich hab heute auch wieder ältere Frauen hier in der Kirche gesehen, die mich groß angucken und verstehen wollen. Ich zeige ihnen, wie sie klatschen sollen, und dann machen sie mit. Das ist schön.

Klappt das immer?

Joanne Bell: Meistens. Ich war mal in Wien in einem Konzert von Jessy Norman. Sie sang wie eine Göttin. Ich bin aufgestanden und habe applaudiert. Da zischten einige: "Hinsetzen!" Ich habe mich umgedreht und gesagt: "Nein, ihr solltet aufstehen!"

Unterscheiden Sie zwischen E- und U-Musik?

Joanne Bell: Kenn ich nicht. Was ist das?

Ernste Musik ist wertvoll, Unterhaltungsmusik nicht.

Joanne Bell: Blödsinn! Musik ist Musik. Gute Musik ist immer unterhaltsam, und auch das ist ein ernster Anspruch.

Warum leben Sie in Deutschland?

Joanne Bell: Ich bin seit 1978 in Europa, erst in Wien, wo ich Sänger für Peter Wecks Produktionen ausgebildet habe, seit 1984 in Hamburg. Warum? Ich bin gesegnet: Es gefällt mir hier. Ich habe viele Kontakte und kann hier gut arbeiten. Zum Beispiel mit Ralf Grössler. Ich singe in verschiedenen Gruppen wie den "Three Ladies of Blues", bin viel auf Tour, habe ein eigenes Gospel-Musical geschrieben. Das ist toll.

Hier haben Sie überwiegend mit Nicht-Profis gearbeitet. Wie hat das geklappt?

Joanna Bell: Oh, die Chöre und das Orchester sind wunderbar. Besser als manche Profis. Ich meine das ernst, schließlich habe ich viele Vergleiche. Und da sind ja Zwölfjährige dabei. Das hat Martin super gemacht. Aber die Profis hier sind auch toll.

Und wie gefällt Ihnen diese Region?

Joanne Bell: Was ich gesehen habe, war wunderschön. Die Leute waren nett zu mir. Ich komme gerne wieder zum Singen hierher, wenn Martin wieder ein so schönes Projekt für mich hat. Und zum Einkaufen. Da habe ich heute in Osnabrück viel Spaß gehabt.