Westerkappeln - Reiner Ströver ist ein frommer Mann. Und: Reiner Ströver ist ein politischer Mann. Bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand am Sonntag ergriff der evangelische Pfarrer während des Zentralgottesdienstes in der Stadtkirche selbst das Wort. Seiner Predigt lag ein Brief des Apostels Paulus an die Römer zugrunde. Darin heißt es: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal und beharrlich im Gebet.

"Was der Geistliche den Gemeindegliedern zum Abschied mit auf den Weg gab, wird sicherlich nachwirken. Persönlich habe er Trübsal kaum erfahren, jedoch in seiner Arbeit als Seelsorger, etwa bei Beerdigungen oder im Gespräch mit Angehörigen von Unfallopfern sehr wohl, Traurigkeit und Trübsal gespürt. Um so erstaunlicher war es für Ströver, dass ausgerechnet diese vom Leid gekennzeichneten Menschen, „mir die Liebe Gottes gepredigt haben."

Eine Erfahrung, die Ströver in seiner Predigt dankbar werden lässt, indem er nicht seinen Dienst, sprich seine tröstenden Worte hervorhebt, sondern den Glauben der Leidtragenden. Für Ströver steht fest: „Wer betet, bleibt nicht allein. Beten ist ein Entlastungsangebot Gottes an uns." Das Gespräch mit Gott, der Glaube, ist für den Geistlichen eine Quelle der Kraft sowie gleichzeitig Motivation und Aufforderung, sich für den Erhalt der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Glauben mündet bei Ströver in praktisches Handeln. Seine Spuren hinterlassen hat er während seiner 17-jährigen Tätigkeit in Westerkappeln etwa im Arbeitskreis Asyl, in der Debatte um den Klimaschutz und in dem Baugebiet Haubreede.

Auch in seiner Abschiedspredigt nahm er kein Blatt vor den Mund: „Es ein Skandal, dass eine Milliarde Menschen auf der Erde vom Hungertod bedroht sind, während den Menschen bei uns Übergewicht droht."Doch die Auferstehung setzt für Ströver nicht erst nach dem biologischen Tod ein, sondern mitten im Leben. Deshalb ist es für den Geistlichen wichtig, Feste zu feiern und fröhlich zu sein. Er forderte die Gemeinde auf, die Worte des Apostels Paulus Ernst zu nehmen: „Macht weiter so."

Im Anschluss an seine Predigt entlastete Hans Werner Schneider, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg, Reiner Ströver offiziell von seinen Aufgaben als hauptamtlicher Seelsorger in Westerkappeln. „Du bist nun frei von den dienstlichen Pflichten." Ganz so, als wolle er Ströver noch nicht richtig gehen lassen, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, „in dieser Gemeinde." In der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche war heiteres Lachen zu hören.

Musikalisch begleitet wurde der Gottesdienst vom Jungen Chor, der Kantorei und dem Posaunenchor unter der Leitung von Kantor Martin Ufermann. In den Dankesworten während des Gottesdienstes und im Anschluss beim Empfang im Haus Bonhoeffer zollten die Redner immer wieder auch Strövers Ehefrau Ulrike Dank und Respekt. Bürgermeister Ullrich Hockenbrink bedankte sich in seiner Ansprache vor allem für den Einsatz Strövers als Unfallseelsorger.

Quelle: Westfälische Nachrichten - 30.11.2009