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34 Jahre in Westerkappeln: Kirchenmusikdirektor Martin Ufermann blickt zurück

Quelle: Westfälische Nachrichten - 22.03.2021

Von Anke Beimdiek

Westerkappeln. In 34 Jahren kommt eine Menge zusammen: Notensammlungen, Instrumente, Programmhefte, Presseartikel. Martin Ufermann hat die lange probenfreie Zeit im Lockdown genutzt, um einiges zu sortieren, anderes zusammenzupacken. Wenn er Ende März in den Ruhestand geht, möchte er einem möglichen Nachfolger oder einer Nachfolgerin geordnete Verhältnisse hinterlassen.

 

Erinnerungen an ein „erfülltes Berufsleben“: In seiner Zeit als Kantor hat Martin Ufermann zahlreiche
Konzerte und Chorprojekte zur Aufführung gebracht – viele waren Publikumsmagneten.
(Foto: Anke Beimdiek)

Erst vor einigen Tagen hat Ufermann alte Konzertplakate im Dietrich-Bonhoeffer-Haus abgehängt. „Das ist auch eine emotionale Arbeit“, sagt er, „vielleicht vergleichbar mit einem Künstler, der sein Atelier ausräumt“. Viele Erinnerungen an ein „erfülltes Berufsleben“, wie der Kirchenmusikdirektor betont, kämen beim Aus- und Aufräumen zutage. Ein einzelnes Highlight in seiner Zeit als Kantor in Westerkappeln könne er nicht herausheben. Zu lang ist die Liste großer Konzerte und Chorprojekte.

Gänsehaut beim Anschauen

Da waren im Herbst 2004 beispielsweise die insgesamt 3000 begeisterten Zuschauer bei fünf ausverkauften Konzerten der Gospelmesse „Mass of Joy“ mit Joan Bell; das Pop-Oratorium „Emmaus“, das 2006 und 2008 die Stadtkirche füllte; insgesamt 23 Gospelworkshops, der letzte im Februar 2020 mit der mitreißenden Gospel- und Sacro-Pop-Sängerin Judy Bailey; die „herausfordernde“ Uraufführung des Musical-Oratoriums „Bruder Martin“ zum Reformationsjubiläum auf der Tecklenburger Freilichtbühne; das Jubiläumskonzert zum 90-jährigen Bestehen der Kantorei, Weihnachtsoratorien, und, und, und. Vieles davon ist auf DVD festgehalten. „Beim Anschauen bekomme ich immer noch Gänsehaut“, sagt der Kantor.

Wenn Ufermann, der am Sonntag in der Stadtkirche offiziell verabschiedet wurde, in den Ruhestand geht, geht für die evangelische Kirchengemeinde eine Ära zu Ende. Als er 1987 nach Westerkappeln kam, war er der erste hauptamtliche Kantor der Gemeinde. Die damaligen Pastoren Hans-Werner Schneider, Horst-Dieter Beck und besonders Herbert Wessel hatten sich beim Kirchenkreis dafür stark gemacht, einen Kirchenmusiker einzustellen. Die Wahl des Presbyteriums fiel schnell auf Ufermann, der damals noch Kantor in Hamburg war.

Seit einem halben Jahrhundert Organist

Seit seinem Dienstantritt in Westerkappeln ist er wohl mehrere tausend Mal die Stufen in der Stadtkirche zur Orgel auf der Empore heraufgestiegen. Als Organist begleitet er schon seit genau einem halben Jahrhundert Gottesdienste. Dass Ufermann Kirchenmusiker werden würde, das „hat sich früh abgezeichnet“, wie er erzählt. Aufgewachsen ist der gebürtige Gelsenkirchener in einem Pastorenhaus. Von Kindesbeinen an war er an Sonntagen in der Kirche, wenn sein Vater den Gottesdienst leitete. Schon als Grundschüler assistierte er dabei auf der Orgelbank. Erst vertretungsweise, dann nebenamtlich spielte Ufermann als Jugendlicher dann selbst die Kirchenorgel. Noch während seines Studiums der Kirchen- und Schulmusik trat er in Hamburg 1978 seine erste Kantorenstelle an.

Bis 1987 war Martin Ufermann als Kantor in Hamburg. (Foto: privat)

In Westerkappeln übernahm Ufermann 1987 eine eher dörflich geprägte Kirchenmusik. Aus dem Kirchenchor wird unter seiner Leitung die Kantorei. Der Kantor, abgeleitet vom lateinischen Wort „cantare“ für Singen, ist schon dem Namen nach der Chorarbeit verpflichtet.

Singen als Herzensangelegenheit

Für Ufermann war das Singen aber immer Herzensangelegenheit. „Es gibt nur Positives über das Singen zu sagen“, ist er überzeugt. Singen sei gut für Körper und Geist und produziere „Harmonie am laufenden Meter“. „Selbst wer nach einem langen Tag am Abend erschöpft zur Chorprobe gekommen ist, der ist doch am Ende gut gelaunt nach Hause gegangen“, hat der Kantor auch bei sich selbst beobachtet.

Diese Begeisterung für das Singen sprang über. Zu den Gospelworkshops kamen regelmäßig 160 Sänger. Hätte das Bonhoeffer-Haus mehr Stühle, hätten es noch viel mehr sein können.

Die Kantorei im Jahr 1989: Aus der Jugendkantorei ging im Jahr 1992 der Junge Chor hervor. (Foto: privat)


Viele Mitglieder der Kantorei kennt Martin Ufermann seit 34 Jahren. 1992 gründete er den Jungen Chor, der anders als die klassisch ausgerichtete Kantorei neue geistliche Lieder, aber auch jazzige und poppige Stücke in seinem Repertoire hat. Bald traten beide Chöre gemeinsam auf und betraten dabei mitunter musikalisches Neuland. „Es ist selten, dass Chöre ein so großes Repertoire haben“, ist Ufermann, der sich als „Brückenbauer“ sah, überzeugt. Bei vielen Chorprojekten brachte er musikalische Laien und Profi-Musiker erfolgreich zusammen. Häufig begleitete das Schulorchester des Goethe-Gymnasiums die Konzerte.

Musikalische Gemeindearbeit zum Erliegen gekommen

Dass ausgerechnet im letzten Jahr vor seinem Ruhestand alle Chorproben ausfallen mussten und Singen wegen der Ansteckungsgefahr als „gefährliches Hobby“ galt, hat den Kantor getroffen. „Das schmerzt schon.“ Von einem Tag auf den anderen sei die musikalische Gemeindearbeit zum Erliegen gekommen. Die ungeklärte Nachfolge macht den Abschied nicht leichter. „Gerne hätte ich alles jetzt einem Nachfolger übergeben“, sagt der Kantor.

Die Kirchengemeinde plant, einen Pop-Kantor zunächst befristet und mit halber Stelle einzustellen. Vermutlich wird sich die Besetzung noch etwas hinziehen. Erst im Sommer soll die Kreissynode über den Antrag der Kirchengemeinde entscheiden. Der Studiengang „Kirchenmusik Popular“ ist zudem noch jung, viele Kirchenkreise suchen Absolventen. Eine Nachfolgelösung für die Leitung von Kantorei und Jungem Chor gibt es auch noch nicht. Wann überhaupt wieder gemeinsam gesungen werden könnte, ist ohnehin nicht abzusehen.

Wer kann Ufermanns Pensum ausfüllen?

Wer auch immer als neuer Kirchenmusiker nach Westerkappeln kommt, der wird mit einer halben Stelle kaum Martin Ufermanns Pensum ausfüllen können. Zweimal wöchentlich war der Kantor zum Singen mit Kindergartenkindern in den beiden evangelischen Familienzentren, hat zudem etliche Treffen von kirchlichen Gruppen musikalisch begleitet.

Ganz aus der Kirchenmusik verabschieden, will sich Ufermann nicht. Dem Mettinger Ki-Pop-Chor bleibt er als Chorleiter erhalten. Vertretungsdienste als Organist hat er schon fest zugesagt. „Es wird andere Formate geben“, verspricht er. Singwochenenden kann er sich vorstellen. Zuversichtlich ist er, dass die Begeisterung vieler Menschen für Musik bleiben wird. „Das geht nicht verloren.“